«Hier haben sie für Menschen wie mich gebetet»

Bewegende Wallfahrt des Lepra-Menschenrechtlers Ganesh Muthusamy. Der Inder, der diese Krankheit selbst überwunden hatte, besuchte erst vor wenigen Tagen in Cambridge eine Kapelle. In dieser beteten Lepra-Kranke Engländer einst «für Menschen wie mich.» Nun hat er das 900 Jahre alte, historische Gebäude besucht.

Soeben hat Indiens Regierung beschlossen, ein diskriminierendes Lepra-Gesetz abzuschaffen. Die «Times of India» veröffentlichte dazu auch einen Leserbrief von Ganesh Muthusamy (32), der darauf hinwies, dass noch 119 weitere solcher Gesetze übrigbleiben.

Bei Ganesh Muthusamy wurde schon während seiner Schulzeit Lepra diagnostiziert und behandelt. Bereits hatte er das Gefühl im rechten Fuss verloren, der Geschwüre entwickelte und schwer geschädigt wurde. Durch korrigierende Operationen und Schutzschuhe aus einem Lepra-Missions-Krankenhaus in Indien kann er inzwischen wieder laufen.

In der Lepra-Kapelle in Cambridge

Ganesh ist in Indien als «Lepra-Champion» bekannt. In seiner Heimat ist das alte Stigma gegenüber Lepra-Betroffenen noch immer weit verbreitet.

Erst vor wenigen Tagen besuchte er die Lepra-Kapelle aus dem 12. Jahrhundert in Cambridge. Dieser schlichte Sakralbau ist das älteste komplett erhalten gebliebene Gebäude der Stadt, das anno 1125 vor fast 900 Jahren für die Betreuung von Leprakranken errichtet wurde.

Bei seinem Besuch traf Ganesh die Geschichts-Professorin Helen Weinstein des Clare-Hall-College, das zur Cambridge-Universität gehört. Sie hielt fest, dass es im Mittelalter in Cambridge eine hohe Zahl von Leprafällen gab.

«Unrein» in Cambridge

Während die von Lepra betroffenen Menschen in Cambridge spezielle Kleider tragen und sogar «unrein» rufen mussten, um die Menschen zu warnen, erfuhren die Betroffenen gleichzeitig Freundlichkeit und Mitgefühl.

Das Lepra-Krankenhaus und die Kapelle wurden von Philanthropen durch das nahe gelegene Priorat Barnwell finanziert, wobei die Mönche den Patienten in der Kapelle dienten.

Ganesh sagte, sein Besuch in der Lepra-Kapelle sei wie ein «nach Hause kommen» gewesen: «Ich bin sehr glücklich hier zu sein, weil Leute, die in England Lepra hatten, in diesem Gebäude für Leute wie mich beteten.»

Ganeshs Gebet

«Und jetzt bete ich dafür, dass die nächste Generation nicht durch Lepra behindert wird. Hier zu sein fühlt sich sehr emotional an und ist fast wie ein nach Hause zu kommen.»

Ganesh reiste nach Grossbritannien, um am «Global Disability Summit» im Olympiapark in London teilzunehmen. Während Lepra im Vereinigten Königreich eine Krankheit der Vergangenheit ist und der letzte einheimische Fall 1798 diagnostiziert wurde, ist die Krankheit ein Problem geblieben. Im 21. Jahrhundert wird jährlich eine Viertelmillion Fälle diagnostiziert, mehr als die Hälfte davon in Indien.

Die Angst vor der Isolation

Ganesh erinnerte sich bei seinem Besuch: «Als ich die Diagnose Lepra erhielt, hatte ich Angst, dass mich die Leute isolieren würden. Ich habe niemandem erzählt, dass ich diagnostiziert wurde, ausser meiner Familie, wegen der Angst um die Krankheit. Also schätze ich, das ist auch Selbststigmatisierung.»

Und diese war berechtigt: «Ein Mitglied meiner Familie wollte eigentlich, dass ich die Familie verlasse, aber zum Glück ist die Situation jetzt in Ordnung.»

Es sei schwer für ihn zu arbeiten, da er nicht lange stehen oder gehen kann, «denn obwohl ich eine rekonstruktive Operation zur Korrektur des Fusses hatte, hat mich die Lepra mit einem tauben rechten Fuss zurückgelassen.»

Noch immer 850 Lepra-Kolonien

Für Menschen mit einer Behinderung ist es schwierig, in Indien zu arbeiten. Und für Menschen die von Lepra betroffen sind ist es schwierig, überhaupt in die Behindertengruppe aufgenommen zu werden – «sie trennen uns. In Indien, wo es immer noch 850 Leprakolonien gibt - es gibt keine Eingliederung.»

Er finde immer noch keinen richtigen Job, auch wenn Lepra eine heilbare Krankheit ist. «Die Menschen müssen darüber Bescheid wissen, damit sie sich möglichst früh behandeln lassen, dann werden sie keine Behinderungen entwickeln.»

Einer von 500 Champions

Ganesh ist einer von 500 «Lepra-Champions» in Indien. Diese versorgen 10’000 Menschen, die von Lepra und Behinderungen betroffen sind. Das im Rahmen des «Create»-Projekts der Internationalen Lepra-Mission. Die Europäische Union hat mehr als eine Million Pfund, also über 1,28 Millionen Schweizer Franken, für das Projekt bereitgestellt.

Daniel Gerber

Quelle: Lepra Mission/Christian Today