Ruedi Josuran unterwegs in Nepal

Der TV-Moderator besuchte als ehrenamtlicher Botschafter der Lepra-Mission das Lepraspital in Nepal und ist wenige Tage vor dem schweren Erdbeben in die Schweiz zurückgekehrt. Im Film und folgendem Interview berichtet Ruedi Josuran über seine Eindrücke und Erfahrungen im Lepra-Projekt.

Nur wenige Tage nach deiner Rückkehr ist in Nepal ein schweres Erdbeben passiert. Wie war deine Reaktion als du es durch die Medien erfahren hast?

Es hat mich tief bewegt. Ich kann es kaum in Worte zu fassen. Eine Berg- und Talfahrt der Gefühle. Aufatmen, dem Erdbeben entkommen zu sein. Dann wieder Fassungslosigkeit. Freude wieder zu Hause zu sein – dann wieder Trauer um die Erdbebenopfer. Ich denke immer wieder an die Gesichter der Patienten und Mitarbeiter, die ich getroffen habe. Menschen, die ich nie mehr vergessen werde.

Was für Erwartungen hattest du vor der Projektreise nach Nepal?

Als die Anfrage kam, Botschafter der Lepra-Mission zu werden, war für mich klar: Das geht nur, wenn ich mir selbst ein Bild von der Projektarbeit und den Menschen vor Ort machen kann. Nur dann kann ich mich glaubwürdig für Leprabetroffene in der Schweiz einsetzen.

Sind deine Erwartungen erfüllt worden?

Diese sind mehr als erfüllt worden. Ich habe einen transparenten Einblick erhalten in die Projektarbeit mit Leprabetroffenen in Nepal. Auch kritische Fragen wurden beantwortet. Vor allem hatte ich unmittelbaren Kontakt mit Betroffenen und Fachleuten. Ich habe gelernt, dass Lepra nach einer medikamentösen Behandlung nicht ansteckend ist, dass ich ohne Angst auf diese Menschen zugehen kann, dass sie gerne berührt und auch umarmt werden.

Welche Begegnung mit Leprabetroffenen hat dich am meisten beeindruckt?

Vor allem persönliche Gespräche mit leprabetroffenen Frauen, die uns in Kathmandu offen ihre Lebensgeschichte erzählten. Lepra haftet ein uraltes Brandmal an, welches bei den Erkrankten auch heute noch, neben den körperlichen Erscheinungen, zu einer zusätzlichen seelischen Verletzung führt. Es gehen nicht nur jene menschlichen Schicksale nahe, die mir verkrümmte und verkrüppelte Hände und Füsse, vernarbtes Gewebe, aber auch frische Wunden zeigten. Vielmehr haben mich die Lebensgeschichten angesprochen und tief berührt, welche die inneren Narben dieser Menschen sichtbar gemacht haben. Erzählungen über soziale Ächtung, Stigmatisierung und Ausgrenzung.

Wie ist die Situation von Lepra in Nepal heute?

Nepal gehört weltweit immer noch zu Ländern mit der grössten Verbreitung von Lepra. Zwar können die Ärzte die Krankheit mit einer medikamentösen Behandlung jederzeit stoppen – doch die Verunstaltungen quälen die Menschen oft ein Leben lang. Lepra ist heute durch die Multidrug-Therapie, einem Mix aus drei Antibiotika, heilbar. Es gibt also keinen Grund, Angst vor dieser Krankheit zu haben. Trotzdem gibt es weiterhin viele Vorurteile. Die betroffenen Menschen werden nach wie vor häufig diskriminiert und vom sozialen Leben ausgestossen.

Was hast du im Lepra-Spital in Anandaban gesehen?

Ich bin beeindruckt vom Engagement und der Fachkompetenz der Ärzte und des Pflegepersonals. Das Spital mit 118 Betten ist eines der grössten Lepra- Referenzzentren Nepals. Es werden täglich bis zu zehn Operationen an Klauenhänden und Knickfüssen durchgeführt, damit die Betroffenen wieder richtig greifen und gehen können.

Was für eine Hilfe erhalten die Lepra-Patienten im Spital? 

Es bietet kostenlos jährlich über 4500 Leprabetroffenen eine qualitativ hochstehende Behandlung für Leprakomplikationen und Wiederherstellungschirugie. Dabei werden Patienten auch in Selbstpflege und Arbeitstechniken geschult, um Verletzungen an gefühllosen Gliedern zu minimieren.

Wie war der Kontakt mit Leprakranken im Spital?

Die Menschen sind erstaunlich offen und freundlich, aber verständlicherweise auch etwas scheu. Aber wenn man offen auf sie zugeht, entsteht schnell ein vertrauliches Gespräch. Ich bin dankbar für jede Begegnung, jede Berührung, jedes kurze Lächeln. Sie haben mir bewusst gemacht, dass ich privilegiert bin.

Wurde das Lepra-Spital in Anandaban vom Erdbeben beschädigt?

Das Spital wurde massiv beschädigt. Zwei Gebäude und eine Spitalabteilung sind zerstört. Die Patienten müssen unter schwierigen Umständen notdürftig draussen in Zelten behandelt werden. Der schnelle Wiederaufbau ist dringend nötig.

Was hast du in Nepal noch für besondere Erfahrungen gemacht?

Ich begleitete Prasad, einen Leprabetroffenen des Anandaban-Spital, der zu seiner Familie ins Dorf zurückkehrt ist. Es war eine beschwerliche, mehrstündige Autofahrt durch das Chaos der Hauptstadt Kathmandu und ein steiler Fussweg hinauf in das abgelegene Dorf. Lepra hat Prasads Leben geprägt. Fünf Familienmitglieder erkrankten daran. Prasad gilt zwar als geheilt. Lepra kann aber weitere Folgeschäden auslösen. Bei Prasad sind die Füsse und Augen befallen. Zweimal bekam er deshalb erneut Hilfe im Spital der Lepra-Mission.

Wie unterstützt du persönlich die Arbeit der Lepra-Mission? 

Ich erzähle bei jeder Gelegenheit über meine Reise und Erfahrungen, die ich gemacht habe. Ich möchte denen eine Stimme geben, die es selber nicht tun können. Neben meiner Botschafter-Tätigkeit unterstütze ich persönlich auch eine Not-Helfer-Patenschaft.

Wie kann man die Leprabetroffenen in Nepal am besten unterstützen?

Indem man sofort eine Not-Helfer-Patenschaft übernimmt. Ich werde es jedem sagen, der mir zum Geburtstag oder zu Weihnachten etwas schenken will. Die Not-Helfer-Patenschaft hat langfristig eine nachhaltige Auswirkung, indem man den Dienst der Ärzte, Physiotherapeuten und Krankenschwestern unterstützt, die jeden Tag für Leprabetroffene im Einsatz stehen.